Das Epitaph für Oberbaurat Bernhard Solger von 1891

8 Feb 2018

Die Epitaphien berühmter Nürnberger der frühen Neuzeit und des Barock - wie zu allererst Albrecht Dürer, Willibald ­Pirckheimer, ­Peter Vischer und Johann ­Pachelbel - kennt wohl jeder ­Nürnberger, zumal sie bei den meisten Führungen über die historischen Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus gezeigt ­werden. Viel weniger bekannt sind die zahlreichen ­qualitätvollen Epitaphien aus dem ­19. Jahrhundert, welche die alte Epitaphien-Tradition in einer ganz eigen­ständigen Weise fortsetzten. In diesem und in den nächsten Mitteilungsheften des ­Bürgervereins ­St. Johannis – Schniegling – Wetzendorf ­sollen einige der künstlerisch ­herausragenden Epitaphien ­dieser ­Epoche vorgestellt werden.

 

Das erste Beispiel ist das Epitaph für den städtischen Baurat Bernhard Solger (1812 – 1889) auf dem St. Johannisfriedhof (Joh. I Nr. 717, Planquadrat L 6) (Abb. 1). Es zeigt unter einem mit einem Dreipass und Rankenwerk gefüllten Rundbogen über der Inschrift Zirkel und Winkelmaß. Dieses klassische Arbeitsgerät des ­Architekten verweist auf die reiche ­architek­tonische Tätigkeit Solgers.

 

Der 1812 in Rentweinsdorf bei ­Bamberg ge­borene ­Solger war an der Nürnberger ­Poly­technischen Schule bei Carl Alexander ­Heideloff und danach 1831 – 1834 bei­Friedrich ­Gärtner an der Münchner Universität und ­Bauakademie ­ausgebildet ­worden. Die im Studium ­erworbene theoretische Kenntnis der Formensprache ­vergangener Jahrhunderte konnte er 1834 – 1837 als Bauführer bei der ­Restaurierung des Bamberger Doms praktisch ­umsetzen. Von 1838 bis 1872 bekleidete er in Nürnberg das Amt des ­Städtischen Baurat, das in etwa dem des heutigen ­Baureferenten entsprach. Nach 1872 war Solger weiterhin als Architekt tätig. Nach der Vollendung von Solgers Justizgebäude in der ­Augustinerstraße verlieh ihm der ­Bayerische König 1878 den Titel eines König­lichen Oberbaurats. Bei seinen Nürnberger Bauten bemühte sich Solger, mit der Formensprache ­einer reduzierten Neugotik den Funktionen neuer Bauaufgaben gerecht zu ­werden. ­Dadurch prägte er wesentlich die Bautätigkeit der sich im Verlauf der Industriali­sierung erheblich erneuernden und vergrößernden alten Stadt. Dazu gehören sechs Torbauten für die Stadtmauer, die aber schon bald den Bedürfnissen des wachsenden Verkehrs weichen mussten. Nicht zuletzt entstand nach Solgers ­Plänen die erste ­planmäßige Stadterweiterung Nürnbergs außerhalb der ­Stadtmauern, die „Marienvorstadt“ entlang der Marienstraße, von deren einst prächtiger Bebauung heute nicht mehr viel zu sehen ist. Erst im Juli 2017 wurde eines der letzten alten Gebäude in der Marienstraße 15, das lange Jahre der weltbekannte Nürnberger Blechspielzeug-Fabrikant Ignaz Bing bewohnte, zugunsten eines Neubaus der Erde gleichgemacht. In Solgers Amtszeit entstanden außerdem zahlreiche öffentliche Bauten wie die „Alhambra“ in der Rosenau, der ­Vorgängerbau des heutigen Hauptbahnhofs, das alte Städtische Krankenhaus und die Königliche Bank, die jedoch im Laufe der Zeit durch Neubauten ersetzt wurden. Relativ lange stand das von Solger 1872 im ­neugotischen Stil erbaute Telegraphenamt an der Stelle des alten ­Kür­schnerhauses ­südlich der ­Frauenkirche (Abb. 2).

 

Schon zur Erbauungszeit ­wegen seines „starren und vordergründigen ­Bezugs auf die Frauenkirche“ ­kritisiert, wurde das Gebäude von den ­Nationalsozialisten im Zuge der so genannten „Entschandelung“ Nürnbergs dem Abbruch preisgegeben. An seiner Stelle errichtete man einen Neubau, der besser „an seine altehrwürdige Umgebung“ angepasst war. Der schlichte Baukörper bot mit seinen glatten, sandsteinverkleideten Giebelfassaden genügend Platz für ­patriotische Malereien an der Front zum Hauptmarkt hin. Auf der zur Synagoge am Hans-Sachs-Platz gerichteten Ostfassade brachte man auf ausdrücklichen Wunsch des Oberbürgermeisters Liebel den letztlich auf Martin Luther zurückgehenden Spruch an: „Trau keinem Fuchs auf grüner Heid und keinem Jud bei seinem Eid“.

 

Dass Solger, dem Zeitgeschmack ent­sprechend, nicht nur beim Telegraphenamt gotisierende Formen bevorzugte, ­zeigen auch die beiden letzten heute noch bestehenden Bauwerke Solgers, die 1852 erbaute Maxbrücke mit ihren Maßwerkgittern und die 1856 – 1860 als Grufthalle errichteten „Arkaden“ im Westteil des ­Johannisfriedhofs (Abb. 3).

 

Neugotische Elemente prägen konsequenterweise auch Solgers Epitaph. Der Dreipass entstammt dem Formenschatz der gotischen Architektur, während die sich einrollenden dünnen Zweige von mittelalterlicher Buchmalerei inspiriert scheinen. Die Rahmung des Epitaphs mit teils freistehend gearbeiteten zarten Blattranken erinnert ebenfalls an Randleisten illuminierter Handschriften. Das Epitaph wurde im Jahr 1891, also zwei Jahre nach Solgers Tod, ­angefertigt. Den Entwurf lieferte der Architekt Emil Hecht, dessen Signatur – ein eher ungewöhnlicher Vorgang bei Nürnberger Epitaphien! - sich deutlich lesbar links auf der unteren Rahmenleiste auf dem Epitaph befindet. Emil Hecht war selbst ein für Nürnberg bedeutender Architekt; er erbaute u.a. die kürzlich zu Wohnzwecken um­gebauten Lagerhallen am Zollhof 5 und das derzeit in Sanierung begriffene, ebenfalls neugotische Elementen verwendende „Café Imperial“ in der Königstr. 70 (ehemals „Der Beck“, demnächst Restaurant des Sternekochs Alexander Herrmann). Dass Hecht auch in anderen historischen Stilen bauen konnte, zeigt eine der schönsten Villen in St. Johannis, die Villa Cohn, heute „Gesellschaft Museum“ in der Campestraße 10. Emil Hecht hatte drei Jahre lang mit Bernhard Solger im städtischen Bauamt zusammengearbeitet und würdigte Solgers Schaffen in einer Rede bei der Gedenkfeier für Solger im Mittelfränkischen Architekten- und ­Ingenieurverein.

 

Der ausgesprochen präzise ausgeführte, durch die Hinterschneidungen der ­plastisch ausgeführten Blätter anspruchsvolle Guss des Solger-Epitaphs verweis­t auf eine versierte Werkstatt. Die am unteren Rand des Solger-Epitaphs an­gebrachte Signatur „Gegossen Ch. Lenz 1891“ belegt die Herstellung in der Gießerei ­Christoph Lenz ­(ehemals Burgschmiet), die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die führende deutsche ­Gießerei war. Sie erhielt damals Aufträge aus ganz Europa, Amerika und ­Australien. Ihr ist die ­Mehrzahl der künstlerisch be­deutenden Epitaphien des 19. Jahrhunderts zu verdanken. Auch heute noch führt die heute unter dem Namen Jahn geführte Firma Aufträge für ­Epitaphien aus, die nach wie vor für die alten Grabsteine bestellt werden.

 

Auf dem gleichen Grabstein ­befindet sich ein weiteres ­Epitaph in Medaillonform mit der ­Beschriftung ­„Gonnermannsches ­Familiengrab“, das ebenfalls von Emil Hecht signiert wurde (Abb. 4 und 5). Solgers Bestattung im Grab der Familie Gonnermann ist durch verwandtschaftliche Be­ziehungen zu erklären: ­Solgers Tochter ­Sophia ­heiratete im März 1875 Karl ­Christian Heinrich ­Gonnermann, einen Pinselfabrikanten, Handelsrichter und Marktadjunkt, der 1896 zum ­Kommerzienrat ernannt wurde und später in der ­Praterstraße 19 und 21 die Vereinigten ­Pinselfabriken leitete. Demnach wurde Bernhard Solger im ­Familiengrab seines ­Schwiegersohns begraben. Die ­Familie Gonnermann war von auswärts zugezogen, Karl ­Christian Heinrich Gonnermanns Vater Georg Friedrich Gonnermann war 1850 als ­Pinselfabrikant „von Eschwege“ nach Nürnberg gekommen. Vermutlich erhielt er nach seinen im März 1870 erfolgten Tod kein Epitaph, denn die stilistische Über­einstimmung beider auf dem Grab Johannis I 717 angebrachten Epi­taphien und die übereinstimmende Signatur des Entwerfers Emil Hecht legen die ­Vermutung nahe, dass beide Epitaphien gleichzeitig angefertigt wurden. Aufschluss darüber könnten die Geschäfts­bücher der Gießerei Burgschmiet – Lenz – Jahn geben. Glücklicherweise gelangten diese Archivalien kürzlich in den Besitz des ­Nürnberger Stadtarchivs und werden künftig für die Erforschung dieser ­be­deutenden ­Gießerei zur Verfügung stehen.

 

Claudia Maué

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